Blinden-Informations- Technik-Eignungstests (BITE)

Schematischer Überblick über das Prüfverfahren

Dipl.-Ing.Wolfram Hell


1. Umfang und Differenzierung

Hilfsmittel für die Kommunikation, Information und Datenverarbeitung sind Produkte mit einem hohen Grad von technischer und funktionaler Vielfalt, die zudem je nach Einzelprodukt auch sehr unterschiedlich sein können.

Auch vom Anwendungsumfeld ergeben sich vielfältige Differenzierungen. Dies betrifft auf der technischen Seite die Hardware- und Softwarekonfigurationen des Systems, mit dem die Untersuchungsobjekte zum Gesamtarbeitsplatz verkoppelt werden. Variationen ergeben sich auch aus personalen Unterschieden, so etwa der beruflichen Vorbildung der Anwender und der unterschiedlichen Merkfähigkeit von vorausgegangenen Informationen bei komplexen Arbeitsvorgängen.

Eine vollständige Berücksichtigung aller dieser technischen, funktionalen und personalen Anwendungszusammenhänge ist im Rahmen des Projekts nicht zu realisieren. Daher ist es erforderlich, sich auf die für die Nutzer relevantesten Geräte-Eigenschaften zu beschränken und diese mit geeigneten Prüfverfahren zu untersuchen.

2. Methoden

Hierzu haben wir ein Prüfverfahren entwickelt, das im folgenden kurz skizziert werden soll. Als erstes wird zu jeder zu prüfenden Produktgruppe ein Anforderungsprofil erstellt. Dieses ergibt sich aus den Beschreibungsprotokollen von Benutzeraussagen zum jeweiligen Produktbereich und stellt das grundlegende Kategoriengerüst für die eigentlichen Untersuchungsmethoden dar. In diesem Sinne wird auch das morgen tagende Anwendergremium zur Erstellung des Anforderungsprofils tätig werden.

Die folgenden Untersuchungsmethoden sind vorrangig die "Beschreibende Produktanalyse", die "Praktische Prüfung" und die "Technische Prüfung". Hinzu kommt noch eine formale Sicherheitsprüfung. Bei deren Ausarbeitung werden u.a. die in den Normentwürfen DIN EN 29 241 Teil 10 und 11 enthaltenen ergonomischen Grundsätze und Bewertungsstrukturen zur Durchführung von Gebrauchstauglichkeitsprüfungen, sowie auch die "Principles of Comparative Testing" der International Organisation of Consumers Unions mit einbezogen.

Beschreibende Produktanalyse

Das Merkmal dieser Prüfung ist, daß hier wesentliche Produktmerkmale registrierend dargestellt werden, wobei in der Regel außer der Feststellung des Vorhandenseins und eventueller DetailAusprägungen keine weitere Untersuchung angestellt wird. Die hierbei erfaßten Merkmale haben in der Regel bereits mit ihrem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein, sowie fallweise auch ihrer spezifischen Ausprägung einen qualitativen Stellenwert für das Produkt. Dies können etwa die Abmessungen und das Gewicht, Ankoppelmöglichkeiten für andere Produkte oder äußere ergonomische Merkmale, wie z.B. abgeflachte Gehäusekanten betreffen. In der Regel wird diese Analyse bei der äußeren Struktur des Produkts angewendet, kann aber auch tiefer gehen und, wie etwa bei Software, Eigenschaften darstellen, die nicht direkt sichtbar sind.

Praktische Prüfung

Bei dieser Prüfung ist die Funktionserprobung, unter Praxisbedingungen das Ziel. Eine solche Prüfung kann sich auf das ganze Produkt, auf Teilkomponenten oder auf bestimmte Einzelfunktionen beziehen. Typischerweise wird diese Prüfung mit Testpersonen durchgeführt, wobei das Produkt einer Behandlung, bzw. Anwendungsweise unterzogen wird, die dem Praxisgebrauch möglichst nahe kommt. Mit diesen Methoden können einerseits die Auswirkungen auf das Produkt und daraus folgend seine Eignung für die Situation, andererseits auch der Nutzen des Produkts für seinen Anwender untersucht werden. Mit den Methoden der praktischen Prüfung können vor allem auch komplexe Zusammenhänge zwischen einzelnen Gerätekomponenten und auch zwischen Gerät und Anwendungssituation sichtbar gemacht werden.

Die Testsituation läßt sich hier zum einen nach der Kompatibilität variieren, wobei eine Testperson das Gerät mit wechselnden Koppelungen von Hard- und Software testet. Hier ist jedoch eine solche Vielfalt von Möglichkeiten gegeben, daß zugunsten einer höheren Aussage-Dichte darauf verzichtet werden muß, sämtliche möglichen Variationen zu überprüfen.

Zum anderen läßt sich die Untersuchung auf Variationen bei den Anwendern auslegen, wobei eine möglichst große Zahl von Testpersonen das Gerät unter gleichen Bedingungen erprobt. Der Auswahl der Testpersonen kommt hier erhebliche Bedeutung zu. Sie sollen vor allem bereits Erfahrungen im Umgang mit der zu prüfenden Technik haben, da dies eine Basis für eine möglichst realistische Beurteilung der Gebrauchs-Qualität ist. Es wird erwartet, daß sich aufgrund der Vorerwartungen, der spezifischen arbeits- oder berufsbezogenen Bedürfnisse und auch aufgrund rein personaler Merkmale Unterschiede in einzelnen Bewertungen ergeben.

Um vergleichbare Testergebnisse zu erhalten, sollen die Praktischen Prüfungen mit einheitlichen Musteraufgaben durchgeführt werden, mit denen vor allem Software-Ergonomie, Funktionssicherheit, Effizienz und Zufriedenheit überprüft werden sollen.

Um die Bewertung durchschaubar zu machen, ist es nützlich, die Prüfabschnitte soweit wie möglich in Einzelschritte aufzuteilen. Die Musteraufgaben setzen sich daher aus einzelnen Testsituationen zusammen, die voneinander abgegrenzt sind und jeweils für sich ausgewertet werden können. Es hat sich gezeigt, daß im Rahmen praktischer Prüfungen etwa 20 bis 25 Testsituationen durchführbar sind.

Technische Prüfung

Bei dieser Prüfung ist die Funktionserprobung, bzw. die Untersuchung des Produktverhaltens unter definierten Bedingungen das Ziel. Eine solche Prüfung kann sich auf das ganze Produkt, auf Teilkomponenten oder auf bestimmte Einzelfunktionen beziehen.

Typische Untersuchungsobjekte sind hierbei Leistungsfähigkeit, stabiles Verhalten, maximale Belastbarkeit und Funktionszuverlässigkeit. Die Methoden hierzu sind so beschaffen, daß damit das Verhalten des im Betrieb befindlichen Produkts beobachtet, die Arbeitsergebnisse gemessen oder die Auswirkungen eines von außen auf das Prüfobjekt einwirkenden Vorgangs registriert werden können.

Besonderen Stellenwert haben Technische Prüfungen dahingehend, daß die Prüfbedingungen hier gut nachvollziehbar und durchschaubar sind und somit besonders objektiv sein können.

Sicherheitsprüfung

Die Sicherheitsprüfung ist bei vollständiger Durchführung meist eine spezialisierte Form der Technischen Prüfung, wobei die gefahren- oder risikobehafteten Teile und Funktionen des Prüfobjekts auf ihren gefährdungsfreien Zustand, bzw. gefahrenfreies Funktionieren untersucht werden.

Die gefahrenfreie Beschaffenheit der Produkte hat einen hohen Stellenwert, trägt jedoch in der Regel nicht direkt zur Funktion bei. Deshalb, und auch im Hinblick auf den begrenzten Rahmen der Untersuchung soll hier eine formale Behandlung stattfinden, die darauf beruht, die gebotene Sicherheit anhand von Prüfvermerken (GS-Zeichen, CE-Zeichen), VDE-Zeichen) zu registrieren.

3. Bewertung

Die Bewertung in allen Prüfabschnitten soll sich an dem Verfahren der Nutzwertanalyse orientieren. Im folgenden soll der Kern dieses Verfahren kurz skizziert werden. Die Nutzwertanalyse sieht für den Vorgang der Bewertung drei Stufen vor. Die erste Stufe ist die produktneutrale Gewichtung der vorgesehenen einzelnen Prüfabschnitte und begründet sich daher, daß ein komplexes Produkt meist mehrere Teilfunktionen enthält und mehrere unterschiedliche Handhabungen zuläßt oder erfordert. Dabei sind die einzelnen Anwendungsfunktionen durchaus nicht gleichwertig. Einige Funktionen werden immer und in großem Umfang gebraucht, deren Funktionssicherheit und Handhabungsweise hat deshalb einen hohen Stellenwert. Andere Funktionen gehören unverzichtbar dazu, werden jedoch seltener gebraucht oder können durch andere Arbeitsschritte ersetzt werden. Den untersuchten Funktionen oder Kriterien werden demgemäß unterschiedliche Gewichtungen, etwa in Form von Prozent-Werten, beigegeben, mit denen die Einzelnoten zum Gesamtergebnis zugerechnet werden.

Die zweite Stufe der Bewertung ist die produktbezogene Einzelbeurteilung jedes Prüfkriteriums - also praktisch die "Note", die erteilt wird. Das Notensystem wird hierbei einerseits eine sinnhafte und überschaubare Zuordnung und andererseits die Übertragung in die mathematische Ergebnis-Berechnung zulassen müssen.

Die Gesamtbewertung als dritte Stufe ergibt sich aus der Summe der Einzelbewertungen der Prüfkriterien und deren Verknüpfung mit dem zugeordneten Gewichtungswert und danach wiederum der Addierung der so gewonnenen Werte. Der so erhaltene Zahlenwert zeigt im Vergleich zur maximal möglichen Punktzahl an, wie weit das Produkt dem Optimalzustand angenähert ist. Da für alle Produkte das gleiche Verfahren angewendet wird, ergibt sich auch die Möglichkeit des direkten Vergleichs mit den anderen Produkten.

Während die vollständige Nutzwertanalyse bestrebt ist, in der letzten Stufe des Verfahrens aus allen Einzelergebnissen einen Gesamt-Nutzwert zu errechnen, ist dies für die vorliegenden Produkte nicht ohne weiteres anwendbar. Insbesondere ist nicht vorgesehen, eine globale Gesamtnote für das ganze Produkt zu formulieren, bzw. zusammenzurechnen. Technische Hilfsmittel für die Computerbenutzung werden geradezu typisch von einer Klientel mit sehr unterschiedlicher Strukturierung und individuellen Anforderungen benutzt. Daraus ergibt sich, daß die einzelnen Aspekte bei einem Produkt je nach Anwender durchaus unterschiedlicher Gewichtung und Bewertung unterliegen. Wichtig ist deshalb vor allem, daß die Ergebnisse nachvollziehbar dargestellt werden. Durch eine Aufteilung in jeweils in sich abgeschlossene Prüfabschnitte soll transparent gemacht werden, was bei den einzelnen Prüfverfahren geschehen ist, und wie die Ergebnisse zustandegekommen sind. Den Nutzern der Prüfergebnisse soll es damit möglich werden, diese vor dem Hintergrund individueller Anforderungen differenziert nutzen zu können.


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Stand: Januar 1997