Blinden-Informations- Technik-Eignungstests (BITE)

Brauchen technische Berater Hilfsmitteltests?
Antwort auf Dr. Rüdiger Leidner

Brigitte Bornemann-Jeske, Geschäftsführerin BIT GmbH
Thomas Lilienthal, Geschäftsführer DIAS GmbH


Computerhilfen für Blinde und Sehbehinderte - Fachleute diskutieren über den Informationsbedarf der Hilfsmittelberatung

Sozialrecht und Praxis berichtete im April 1996 über ein Modellvorhaben zum Test von Computerhilfen für Blinde und Sehbehinderte. Die folgenden Beiträge diskutieren die mit diesem Modellvorhaben verfolgten Zielsetzungen.

Ziele des Modellvorhabens BITE

Zur Unterstützung der Hilfsmittelberatung prüft das Modellvorhaben BITE in den Jahren 1996 bis 1998 die Gebrauchstauglichkeit von Hilfsmitteln zum Computerzugang für Blinde und Sehbehinderte. Finanziert wird das Projekt vom Bundesminsterium für Arbeit und Sozialordnung und der Hauptfürsorgestelle Hamburg. Getestet werden die zentralen Produktgruppen zur Computernutzung für Blinde und Sehbehinderte in folgender Reihenfolge:

Ziel des Projektes ist es, für die zu prüfenden Produktgruppen geeignete Testverfahren zu entwickeln und standardisierte Tests durchzuführen, um auf dieser Grundlage zu gesicherten Aussagen über die Eignung der Geräte für verschiedene Arbeitsplatzanforderungen zu gelangen. Neben den Grundvoraussetzungen der Gebrauchstauglichkeit, wie z.B. Kompatibilität und Funktionalität, stehen vor allem ergonomische Kriterien im Vordergrund. Einfache Bedienbarkeit, kurze Reaktionszeiten und Fehlertoleranz sind Anforderungen, die Blindenhilfsmittel ebenso wie jede andere Hard- bzw. Software erfüllen sollen.

Projektbeteiligte

Für die Projektdurchführung sind die Hamburger Firmen BIT GmbH und DIAS GmbH verantwortlich. Beide Unternehmen verfügen über umfangreiche und langjährige Erfahrungen in der Hilfsmittelprüfung, in der Arbeitsplatzgestaltung für Behinderte und in der Ausbildung blinder und sehbehinderter Personen am Computer.

Großer Wert wird auf die Beteiligung der Anwender gelegt. Ein Anwendergremium von Experten aus der Praxis, dem u.a. der FIT Fachausschuß für Informationstechnik der deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbände angehört, ist an der Entwicklung der Testverfahren beteiligt. Diesem Gremium gehört auch Herr Dr. Leidner an.

Aussagewert der Produkttests

Die Testergebnisse werden differenzierte Aussagen zu den Eigenschaften der geprüften Produkte enthalten und Kostenträger und Anwender detailliert über deren Brauchbarkeit in unterschiedlichen Nutzungskontexten informieren.

Es werden sicherlich Unterschiede in der Eignung der geprüften Produkte festzustellen sein, die auch in der Darstellung der Ergebnisse deutlich gemacht werden müssen. Dr. Leidner und auch andere Mitglieder des Anwendergremiums haben in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß Testergebnisse nur dann einen Nutzen für Anwender und Berater haben, wenn die Aussagen im Detail nachvollziebar sind. Eine bloße Auflistung von Bewertungen, z.B. in Form einer Rangskala, sei ungeeignet, da die Anwender dieser Hilfsmittel in vielen Fällen spezielle Probleme zu bewältigen haben und daher detaillierte Informationen über die Eigenschaften der getesteten Produkte benötigen.

Die Forderung der Anwender deckt sich mit den Projektzielen einer transparenten und detaillierten Ergebnisdarstellung. Veröffentlicht werden neben den eigentlichen Prüfergebnissen auch die gemeinsam mit den Anwendergremien erarbeiteten Anforderungsprofile an die Hilfsmittel und die bei den Tests eingesetzten Erhebungsinstrumente. Bei den Prüfergebnissen ist vorgesehen, diese differenziert nach Anwendungssituation und mit deskriptiven Erläuterungen darzustellen.

Die mit dem Projekt von Beginn an verfolgte Strategie einer transparenten und detaillierten Veröffentlichungspraxis hat den Vorteil, unterschiedliche Nutzerbedürfnisse bedienen zu können. Kostenträger, technische Berater, behinderte Anwender und nicht zuletzt die Gerätehersteller haben, je nach Interesse oder Problemlage, die Möglichkeit, das Untersuchungsprogramm nachzuvollziehen, sich detailliert über die Leistungsfähigkeit des Produktangebotes zu informieren und gegegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen.

Nutzungsdauer der Projektergebnisse

Wie alle Produkttests sind auch die Resultate des BITE-Projektes nicht davor geschützt, zu veralten. Hiervon besonders betroffen - und darauf macht Dr. Leidner aufmerksam - ist eine der zu prüfenden Produktgruppen, die Windows-Anpassungen für Blinde. Der noch unausgereifte Stand dieser Software läßt erwarten, daß zumindest Teilergebnisse der Produktprüfung rasch an Aktualität verlieren können. In weit geringerem Maße gilt dies für die fünf anderen zu prüfenden Produktgruppen. Hierbei handelt es sich um stabile Produktlinien, die in den letzten Jahren relativ kleinschrittige Verbesserungen aufweisen und bei denen die Testergebnisse längerfristig Bestand haben werden.

Sinnvoll ist die Einbeziehung von Windows-Anpassungen in den Test aber auf jeden Fall. Es geht bei dieser noch stark in der Entwicklung begriffenen Software vor allem auch darum, grundlegende Erkenntnisse darüber zu gewinnen, in welchem Umfang Software unter MS-Windows durch Blinde bereits jetzt genutzt werden kann. Die Testergebnisse werden auch den Herstellern zweifellos wesentliche Anregungen für die Weiterentwicklung ihrer Produkte geben.

Um zukünftigen Mißverständnissen vorzubeugen, sei nochmals auf Umfang und Aktualität der Testergebnisse des BITE-Projektes hingewiesen. Das im Projekt erarbeitete Hintergrundwissen, Anforderungsprofile, Prüfinstrumente und Testergebnisse sind aufeinander aufbauende, eigenständige Projektergebnisse, die in ihrer Gesamtheit auch über einen längeren Zeitraum nützliche Arbeitsmittel und Entscheidungsgrundlagen darstellen. Mit deren Hilfe können Anwender und Kostenträger das geeignetste Produkte auswählen, Hersteller ihre Produkte verbessern und Prüfinstitute Produktprüfungen durchführen.

Fragebögen zur Einholung standardisierter Vergleichsangebote

Dr. Leidner macht folgenden Vorschlag für die weitere Nutzung der Projektergebnisse: Auf Basis der im Projektes entwickelten und im Rahmen von Produkttests erprobten Kriterien soll ein standardisierter Fragebogen entwickelt werden. Die Anbieter von Hilfsmitteln sollen von den Kostenträgern dazu verpflichtet werden, die geforderten Angaben zur Gebrauchstauglichkeit in Form eines verbindlichen Angebotes zu liefern. Angebote sollen damit transparenter gemacht werden, der Vergleich konkurrierender Produkte soll erleichtert werden. Aufwendungen für Produkttests durch Dritte werden nach Ansicht von Herrn Dr. Leidner damit in Zukunft überflüssig.

Die Verantwortlichen des Modellvorhabens BITE stehen einer Umsetzung der Projektergebnisse im Sinne des von Herrn Dr. Leidner vorgeschlagenen Anwenderfragebogens grundsätzlich positiv gegenüber. Die Idee, die Qualität von Produkten und Dienstleistungen über Verfahrensvorgaben sicherzustellen (ISO 9000) wird in vielen Bereichen diskutiert und umgesetzt. Sie ist auf jeden Fall eine interessante zusätzliche Option für das BITE-Projekt.

Allerdings sollten auch die Grenzen dieses Ansatzes gesehen werden:

1. Der Ansatz ist kein Beitrag zur Kostensenkung. Kurzfristig mag eine Verschiebung der Kosten auf die Anbieter möglich sein. Mittelfristig aber werden diese aus wirtschaftlichen Gründen dazu übergehen, den für die geforderten Angebote benötigten Aufwand in ihre Kostenkalkulation einzubeziehen und an Kostenträger bzw. Endnutzer weiterzugeben.

2. Der Ansatz erübrigt nicht die kontinuierliche Weiterentwicklung und Anpassung der Instrumentarien. Auch die Kriterien und Indikatoren eines Anbieterfragebogens unterliegen - wenn auch im geringeren Maße als Produktdaten - der technischen Entwicklung und der Veränderungen von Arbeitsplatzanforderungen. Pflege und Weiterentwicklung des Anbieterfragebogens - gegebenfalls auch im Rahmen von Produkttests - sind unumgänglich.

3. Der Ansatz ist in seiner Reichweite begrenzt. Nur ein Ausschnitt der für die Klärung der Gebrauchstauglichkeit von Angeboten relevanten Faktoren kann durch einen Anbieterfragebogen erfaßt werden. So lassen sich z.B. die für die Gebrauchstauglichkeit von Hilfsmitteln besonders relevanten Fragen hinsichtlich Ergonomie und Bedienbarkeit nur über vergleichende Tests beantworten.

Modifikationsbedarf für das BITE-Projekt?

Zusammenfassend ist zu den Vorschlägen von Dr. Leidner sagen:

1. Die Entwicklung von Fragebögen zur Einholung standardisierter Vergleichsangebote ist eine von mehreren möglichen und sinnvollen Anwendungen der Ergebnisse des BITE-Projekts. Die Voraussetzungen für die Ausarbeitung solcher Fragebögen sind bereits in der jetzigen Anlage des Modellvorhabens gegeben.

2. Die Ausrichtung des Modellvorhabens auf die Entwicklung von Anbieterfragebögen würde keine der vorgesehenen Aufgaben des Projekts erübrigen. Die für einen solchen Fragebogen aufzunehmenden Kriterien - das führt auch Dr. Leidner aus - können nicht ohne begleitende Produkttests zur Einsatzreife entwickelt werden.

3. Die Vorstellung, ein Fragebogen könne ein für allemal ein Instrumentarium liefern, das den Kostenträgern die Entscheidung über die Eignung angebotener Hilfsmittel ermöglicht, ist praxisfern. Ein Anbieterfragebogen kann nur einen Teilbereich der für die Gebrauchstauglichkeit relevanten Produktinformationen abfragen. Abgesehen davon führt der technische Fortschritt nicht nur dazu, daß neue Produkte auf den Markt treten. Auch die entwickelten Prüf- und Beurteilungsinstrumente veralten früher oder später und werden revisionsbedürftig.

4. Die Ergebnisse der Produkttests werden für den Hauptteil der einbezogenen Produktgruppen über einen langen Zeitraum nutzbar sein. Nur für die Produktgruppe Windows-Anpassungen werden die Prüfergebnisse zu einem früheren Zeitpunkt revisionsbedürftig. Produktprüfungen durch ein unabhängiges Testinstitut haben den Vorteil, standardisierte und vergleichbare Informationen über relevante Produkteigenschaften zu liefern. Somit gilt für die Testergebnisse ebenso wie für die Anforderungskriterien: bis zum Zeitpunkt ihres Veraltens sind sie wertvolle Arbeitshilfen für die technische Beratung und Anregungen für die Weiterentwicklung der Produkte.

5. Mit der von Projektbeginn an verfolgten Strategie einer transparenten und detaillierten Veröffentlichungspraxis sind Befürchtungen hinsichtlich einer nicht nachvollziehbaren, vereinfachenden oder gar zum Mißbrauch verleitenden Darstellung von Testergebnissen unbegründet.


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Stand: Januar 1997