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Gebäude und Verkehrsanlagen werden auch heute noch vorrangig für gesunde, aktive, erwachsene Menschen geplant und gebaut. An alte Menschen, an Rollstuhlfahrer, an Kinderwagen oder Gipsbeine wurde (oder wird) nicht gedacht. Unzugängliche, zum Beispiel nur über Treppen erreichbare Gebäude und Verkehrseinrichtungen haben zur Folge, daß die Mobilität vieler Menschen eingeschränkt und behindert wird.
Stadtführer für Rollstuhlfahrer sollen diese Lage verbessern. Rollstuhlfahrer oder andere in ihrer Mobilität behinderte Menschen sollen mit Informationen über die Zugänglichkeit von öffentlichen Einrichtungen versorgt werden. Sie können diese Informationen nutzen, um den Bereich der ihnen zugänglichen Einrichtungen zu erweitern und um entscheiden zu können, ob bestimmte öffentliche Einrichtungen für sie zugänglich sind oder nicht.
In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um entsprechende Daten zu sammeln, aufzuarbeiten und zu verbreiten. Für etwa 120 Städte gibt es derzeit in Form von Broschüren oder Karten vertriebene Stadtführer, einige Städte haben darüber hinaus (oder alternativ) auch telefonische Auskunft-Dienste eingerichtet. (Anm 1)
In anderen Ländern, auch in Ländern, in denen erhebliche Anstrengungen unternommen wurden, um die Zugänglichkeit von Gebäuden und Verkehrseinrichtungen zu verbessern, ist nichts oder kaum etwas vergleichbares verfügbar. Und man kann sicher mit einigem Recht fragen, ob Informationen eigentlich das sind, was gebraucht wird oder ob die verfügbaren Mittel nicht an anderer Stelle besser eingesetzt wären.
Was können Informationen überhaupt ausrichten, unter welchen Bedingungen können sie nützlich sein? Hierauf wird zunächst eingegangen. Anschließend wird das Konzept der vorhandenen Stadtführer für Rollstuhlfahrer näher vorgestellt. Schließlich soll die Frage geklärt werden, wer eigentlich Informationen über Mobilitätsbarrieren braucht.
Braucht man Informationen über Mobilitätsbarrieren? Was können sie leisten? Wir leben seit einigen Jahren in der neuen Informationsgesellschaft, bewegen uns in virtuellen Realitäten. Aber auf der anderen Seite ist eine Treppenstufe, die nicht überwunden werden kann, eine sehr reale Barriere. Informationen, auch noch so umfassende und leicht zugängliche Informationen ändern an ihr nichts.
Wenn sie auch nicht imstande sind, an baulichen Gegebenheiten etwas zu ändern, können Informationen aber doch in vielen Fällen Gebäude zugänglich machen. Denn oft ist ein Gebäude nicht einfach zugänglich oder unzugänglich. Der Haupteingang ist zwar nur über Stufen zu erreichen, für einen Rollstuhlfahrer also nicht zugänglich. Aber es gibt zum Beispiel noch einen Nebeneingang. Man muß durch eine Einfahrt des Nachbarhauses auf den Hinterhof gehen oder fahren, um von dort zu diesem stufenlosen Nebeneingang zu kommen. Das Haus ist zugänglich, wenn ich das weiß. Für mich ist es nicht zugänglich, wenn mir die entsprechenden Informationen nicht verfügbar sind.
So viel ist also klar: Informationen über die Zugänglichkeit von Gebäuden können nützlich sein. Aber muß nicht wenigstens der Nebeneingang vorhanden sein? Muß nicht zumindest ein bestimmter Mindeststandard erreicht sein, bevor es Sinn macht, große Energien in die Sammlung und Verbreitung von Informationen zu investieren?
Ein Stadtführer, der im Detail über die totale Unzugänglichkeit einer Stadt informiert, wäre nutzlos und unsinnig. Dies heißt aber nicht, daß die Brauchbarkeit von Informationen mit der tatsächlichen Zugänglichkeit einer baulichen Umgebung steigen würde. Auch auf einem sehr niedrigen Niveau, wenn eine gegebene bauliche Umgebung die selbständige Mobilität sehr weitgehend behindert und eingrenzt, können Informationen einen gewissen Nutzen haben.
Der Stadtführer der Stadt Dresden (Ausgabe 1995) enthält zum Beispiel einen Plan, auf dem man sehen kann, an welchen Fußgängerüberwegen die Bordsteinkanten abgesenkt sind. Jemand, der nicht selbständig hohe Bordsteinkanten überwinden kann, sieht, wo er sich selbständig bewegen kann. Er sieht vor allem auch noch sehr viele Gebiete, die für ihn nicht zugänglich sind. Diese Information ist also - leider, muß man sagen - nützlich.
Der Stadtführer für Hamburg bietet keine entsprechenden Informationen. Die Bordsteinkanten sind an 90% der Fußgängerüberwegen so weit abgesenkt, daß Rollstuhlfahrer keine Schwierigkeiten haben. In den innerstädtischen Bereichen sind nahezu 100% der Überwege abgesenkt. Informationen über diese Art von Mobilitätsbarrieren fehlen im Stadtführer, weil sie nicht gebraucht werden. Sie sind - erfreulicherweise - nicht (oder nicht mehr) nützlich.
Informationen sind nicht erst ab einem bestimmten Grad der rollstuhlgerechten Ausbaus von Einrichtungen und Verkehrswegen nützlich. Ihr Nutzen steigt auch nicht unbedingt parallel mit der Verringerung baulicher Barrieren. Allerdings sind - je nach Grad der mobilitätsbehindertengerechten Ausstattung - unterschiedliche Informationen erforderlich.
Stadtführer für Rollstuhlfahrer zielen nicht in erster Linie auf eine exakte Analyse baulicher Gegebenheiten ab. Sie sind Hilfsmittel für die Praxis, sie sollen eine einfache Frage beantworten. Sie sollen angeben, ob ein bestimmtes Gebäude per Rollstuhl zugänglich ist. Die meisten Stadtführer geben (auch) eine einfache Antwort auf die Frage der Zugänglichkeit eines Gebäudes. In der Regel werden drei Kategorien unterschieden. Ein Gebäude ist voll zugänglich, es ist eingeschränkt zugänglich oder es ist nicht zugänglich. Diese drei Kategorien sind durch Mindestanforderungen definiert.
Abbildung [1]: Auszug aus dem Stadtführer von Hamburg
Die Abbildung zeigt die Beschreibung einer Einrichtung aus dem Stadtführer von Hamburg. Rechts oben ist ein Symbol zu sehen, das eine zusammenfassende Aussage über die Zugänglichkeit der Einrichtung macht. Ein dunkles Rollstuhl-Symbol steht hier für uneingeschränkte Zugänglichkeit, ein helleres Symbol würde aussagen, daß das beschriebene Gebäude mit Einschränkungen zugänglich ist. Das abgebildete durchgestrichene Symbol schließlich ist für (Rollstuhlfahrern) nicht zugängliche Gebäude vorgesehen.
Es gibt einige Stadtführer, die sich auf eine solche allgemeine Klassifikation beschränken. Meist werden darüber hinaus aber noch weitere, genauere Angaben gemacht zu der Breite von Türen, der Höhe und Anzahl von Stufen, der Art des Bodenbelags usw.
So ist zum Beispiel das in der Abbildung beschriebene Deutsche Maler- und Lackierer-Museum zwar insgesamt als nicht zugänglich eingestuft, weil am Eingang mehrere Stufen zu überwinden sind. Trotzdem werden zu dieser Einrichtung noch verschiedene Detailinformationen gegeben:
Solche Detailinformationen werden zur Verfügung gestellt, weil auf die Frage, ob ein Gebäude für eine bestimmte Person zugänglich ist, keine allgemeine Antwort gegeben werden kann. Die Zugänglichkeit eines Gebäudes entscheidet sich an der besonderen Behinderung und Konstitution eines Besuchers, sie hängt ab von den Abmessungen eines Rollstuhls oder einer anderen technischen Hilfe und nicht zuletzt auch von der Risikobereitschaft der jeweiligen Person. Die Zugänglichkeit kann je nach Anwender an ganz unterschiedlichen baulichen Maßen oder Ausstattungsmerkmalen scheitern. Der Nutzen einer pauschalen Klassifikation oder Wertung durch Außenstehende ist daher begrenzt.
Mit Hilfe der detaillierteren Informationen soll der Anwender in die Lage versetzt werden, selbst sicher entscheiden zu können, ob er sich in einer baulichen Umgebung eigenständig bewegen kann, ob er eine Hilfsperson braucht oder ob die Einrichtung für ihn überhaupt nicht zugänglich ist.
Ein großer Teil der zur Zeit verfügbaren Stadtführer richtet sich ausschließlich an Rollstuhlfahrer. Der Informationsbedarf von gehbehinderten Menschen oder von Menschen mit sensorischen Behinderungen wird nicht oder nur beiläufig bedient. Viele Broschüren bezeichnen sich selbst ausdrücklich als Stadtführer für Rollstuhlfahrer. Einige Stadtführer wenden sich dem Titel nach allgemein an Menschen mit Behinderungen. Sie lösen diese Behauptung eines weiter gefassten Kreises von Adressaten jedoch überwiegend nicht ein. Tatsächlich sind ausschließlich Rollstuhlfahrer gemeint, wenn von Menschen mit Behinderungen die Rede ist.
Viele ältere Menschen haben erhebliche Schwierigkeiten mit Verkehrsmitteln oder baulichen Umgebungen, die für geistig oder körperlich beweglichere Personen eingerichtet worden sind. Treppen sind zu steil, Ampelphasen zu kurz, es fehlt eine Möglichkeit, sich hinzusetzen und neue Kräfte zu sammeln. Ein großer Teil der in Stadtführern für Rollstuhlfahrer veröffentlichten Informationen kann auch für diese Menschen nützlich sein.
Ein Mensch mit Arthrose hat zum Beispiel Schwierigkeiten mit dem Treppensteigen. Er möchte wissen, ob eine Bahnstation nur über Treppen, für ihn also nicht zugänglich ist. Ein Stadtführer, der sich an Rollstuhlfahrer wendet, kann in diesem Fall eine Hilfe sein. Da auch Rollstuhlfahrer keine Treppen überwinden können, gibt der Stadtführer Auskunft darüber, ob die Station mit Aufzügen oder Rampen ausgerüstet ist.
Aber wie steht es mit Rolltreppen? Viele Bahnstationen sind zwar nicht mit Aufzügen, wohl aber - auch für die Bequemlichkeit des "normalen" Publikums - mit Rolltreppen ausgerüstet. Kann im Stadtführer für Rollstuhlfahrer nachgesehen werden, ob eine Bahnstation mit Rolltreppen ausgerüstet, für den älteren Menschen, der keine Treppen steigen kann, also eventuell auch benutzbar sind? Nein, dies ist nicht möglich. Denn Rollstuhlfahrer können mit Rolltreppen nichts anfangen.
Eine Firma muß externe Räume anmieten für die Durchführung einer Schulung, an der auch Rollstuhlfahrer teilnehmen. Die Räume müssen entsprechend zugänglich und ausgestattet sein. Es gibt für die Stadt, in der die Schulung durchgeführt werden soll, einen Stadtführer für Rollstuhlfahrer. Kann die Firma diesen Stadtführer zu Rate ziehen?
Der Hamburger Stadtführer für Rollstuhlfahrer wurde 1991 von der Europäischen Gemeinschaft mit einem Preis für die Förderung der eigenständigen Lebensführung ausgezeichnet. Er beschreibt in seiner vierten Ausgabe auf 400 Seiten die Zugänglichkeit von über 1800 Einrichtungen. Anfang 1997 wurde noch ein zweiter, ähnlich umfangreicher Band herausgebracht. Insgesamt über 800 Seiten mit Informationen über Mobilitätsbarrieren. Reformhäuser, Tierärzte, Fahrschulen, Kinos, Kirchen: alles ist abgedeckt. Nur berufstätige Rollstuhlfahrer gibt es nicht. Firmen, Schulungseinrichtungen oder andere Einrichtungen, die nur im beruflichen Kontext wichtig sind, kommen nicht vor.
Auch die sehr ausführlichen Stadtführer beschränken sich nahezu ausschließlich auf den Bereich der Freizeitaktivitäten und der außerberuflichen Lebensführung. Es ist so, als gäbe es keine mobilitätsbehinderten Berufstätigen. Jemand, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, wird vielleicht nicht gerade als Handelsvertreter arbeiten. Aber er besucht Fortbildungsseminare, trifft sich mit Geschäftspartnern aus anderen Firmen. Die heute verfügbaren Stadtführer sind hierfür nützlich. Informationen über Hotels, Restaurants oder zur Nutzung der Verkehrsmittel können auch von Berufstätigen gut gebraucht werden. Aber sie sind nicht ausreichend.
Die vorhandenen Stadtführer haben überwiegend einen klar abgegrenzten Kreis von Adressaten im Auge. Sie unterstützen die selbständige Lebensführung von Rollstuhlfahrern. Ohne Zweifel können Informationen über Mobilitätsbarrieren auch für andere Zielgruppen und in anderen Zusammenhängen nützlich sein. Es stellt sich also die Frage, ob die Einschränkung oder Konzentration auf einen speziellen Adressatenkreis erforderlich und zweckmäßig ist.
Soll der Umfang der Stadtführer erweitert werden? Sollen mehr Objekte aufgenommen werden, sollen die Beschreibungen noch weitere Kriterien einbeziehen? Zwei Argumente sprechen (abgesehen von Fragen der verfügbaren Mittel) gegen Erweiterungen und für die derzeit verbreitete Abgrenzung:
Mögliche Lösungen für diese beiden Nachteile einer weniger engen Abgrenzung des Adressatenkreises ergeben sich mit der Nutzung elektronischer Medien:
Anmerkungen
(1) Telefonische Dienste haben gegenüber der Verbreitung der Information in gedruckter Form einige Vorteile: auf bauliche Veränderungen kann schneller reagiert werden, die Informationen können auf einem aktuelleren Stand gehalten werden, Fehler können leichter korrigiert werden und der Zugriff auf die Informationen ist für Reisende oder für Personen, die nur gelegentlich eine Information brauchen, einfacher. (zurück)
(2) Ein möglicher Ausweg aus dieser Schwierigkeit ist es, für verschiedene Nutzeranforderungen unterschiedliche Versionen von Stadtführern zu erstellen. So wurden zum Beispiel in Berlin spezielle Kulturstadtführer und spezielle Stadtführer für Touristen erstellt. Auch einige andere Städte haben zusätzliche Ausgaben mit für Touristen besonders wichtigen Auszügen aus dem "eigentlichen" Stadtführer erstellt. Diese Ausgaben sind z.T. auch mehrsprachig. (zurück)
Autor: Michael Zapp
veröffentlicht am 30. Januar 1997
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